Interview: Heike Rüther – Expertin für Wirkung mit Haltung

Interview: Heike Rüther – Expertin für Wirkung mit Haltung

Heike Rüther ist eine der führenden Expertinnen zum Thema Corporate Fashion und Unternehmensbekleidung. Sie selbst bezeichnet sich als „Expertin für Wirkung mit Haltung“. Im Interview erzählt sie, warum Corporate Fashion noch immer ein aktuelles Thema ist, und wieso die Arbeit eigentlich erst nach der Auswahl der Teambekleidung anfängt. 

 

Q CORPORATE FASHION: Frau Rüther, unsere Gesellschaft ist geprägt von zunehmender Individualisierung. Ist Corporate Fashion überhaupt noch aktuell?

RÜTHER: Sie bleibt aktuell. Corporate Fashion ist das Gegenstück zu Fast- und High Fashion. Wo Uniformen und Teambekleidung für Funktionalität, Kontrolle, Beständigkeit stehen, bewerben Fast- und High Fashion permanenten Wechsel, Kreativität und Subversion. Dabei begegnen wir Trageordnungen überall. Vom Piloten in Uniform, dem Banker im Business Dress bis zum Gastronomie Angestellten in einheitlicher Teamkleidung. Im Laufe der Geschichte wurde die Mode immer wieder von Uniformen inspiriert. Zum Beispiel wurden Aspekte der Funktionalität in dekorative Elemente verwandelt und Uniformen dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst. Sie nehmen einen faszinierenden Platz in unserer Gesellschaft ein und doch werden Sie im Alltag nicht bewusst wahrgenommen.

Q CORPORATE FASHION: Warum brauchen wir überhaupt ein einheitliches Auftreten? Ist es nicht gleichgültig, welche Kleidung jeder trägt?

RÜTHER: Studien belegen, dass sich die Kleidung tatsächlich darauf auswirkt, wie andere uns wahrnehmen. Doch unserer Kleidung wirkt sich nicht nur auf andere aus, sondern auch auf uns selbst.

Zu diesem Ergebnis kommen die Wissenschaftler Galinsky und Adam von der Northwestern Universität in einer Untersuchung mit dem Namen „Enclothed Cognition“. Sie beschreiben die gleichzeitige Wirkung von zwei Faktoren:

1. Die symbolische Bedeutung eines Kleidungsstückes.

2. Die körperliche Erfahrung, es zu tragen.

Sie ließen im Rahmen dieser Studie Testpersonen Aufgaben lösen, die Konzentration und Reaktionsvermögen erforderten.

Eine Gruppe erhielt Arztkittel, die andere trug Alltagskleidung. Ergebnis: Die Teilnehmer im weißen Kittel machten wesentlich weniger Fehler. In weiteren Experimenten trugen alle Probanden identische Laborkittel. Die der ersten Gruppe als Arztkittel und der zweiten Gruppe als Malerkittel ausgehändigt wurde. Die Aufmerksamkeit der ersten Gruppe beim Lösen von Aufgaben war deutlich größer als die der zweiten. Offenbar setze das Tragen bestimmter Kleidung entsprechende Assoziationen frei, resümierten die Wissenschaftler. Weil wir mit dem Doktorkittel üblicherweise Sorgfalt und Achtsamkeit verbinden, überträgt sich dieser Gedanke offensichtlich auch auf unser eigenes Verhalten. Wir werden selbst sorgfältiger und achtsamer. Die Experimente der Wissenschaftler belegen eindrucksvoll, wie Kleidung unser Denken, Handeln und unserer Gefühle beeinflussen. Also wenn weiße Kittel erfolgreich machen, klappt das auch mit anderer Corporate Fashion.

Q CORPORATE FASHION: Im letzten Jahr gab es etliche Schlagzeilen, nachdem Top-Manager von Unternehmen wie Daimler, Bosch und Siemens Krawatten in den Kleiderschrank verbannt haben. Ist ein Trend zu deutlich legereren Outfits zu erkennen?

RÜTHER: Heute sind Dresscodes, abgesehen von verbindlichen Trageordnungen für Schutz-, Arbeitskleidung, Uniform- und Teambekleidung in Unternehmen, Behörden, Sport und Kultur, nur noch Konventionen, oft stillschweigende Vereinbarungen seitens einer sozialen Gruppe, eines Gast- oder Arbeitgebers. Missachtet man sie ganz, gilt man schnell als ahnungslos oder ignorant und riskiert schon im ersten Moment einer Begegnung deplatziert oder unsympathisch zu wirken. Hinzu kommt, dass Dresscodes nicht nur Branchen- und Unternehmensspezifisch, sondern in ein und demselben Unternehmen oft abteilungsweise unterschiedlich interpretiert werden. Da gilt es bei der Frage, ob Business, Smart Casual oder Athleisure, Fingerspitzengefühl zu beweisen.

Q CORPORATE FASHION: Welche Fragen sollten sich Unternehmen stellen, bevor Sie Ihre Teams neu einkleiden?

RÜTHER: Welche Werte können durch ein einheitliches Erscheinungsbild sichtbar von den Mitarbeitern (mit-) getragen werden? Welche Kleidung und Accessoires stärken nach innen das Wir-Gefühl und machen nach außen Zuständigkeiten deutlich?

Q CORPORATE FASHION: Was sind die größten Fehler, die Unternehmen regelmäßig bei Corporate Fashion machen können?

RÜTHER: Bei mir zu spät anzurufen und Mitarbeiter gar nicht oder nicht rechtzeitig zu informieren und in den Entscheidungsprozess einzubinden. Nicht selten klingelt mein Telefon nachdem die Mitarbeiterbekleidung implementiert wurde und nicht passt, Funktionalität und Tragekomfort nicht gewährleistet sind, Kollektionsteile und Accessoires nicht verstanden werden (Bindetechniken Tücher und Krawatte, Wahl passender Schuhe und Strümpfe, Ausweis etc.).

Die Stimmung unter den Mitarbeitern kippt. Ich habe gute Erfahrung damit gemacht, in mittelständischen Unternehmen und großen Organisationen, Mitarbeiter als Multiplikatoren auszubilden, welche die Implementierung neuer Bekleidung begleiten.  Eine kleine Anekdote aus der Praxis: Ein ungehaltener Kommunikationschef rief mich im März dieses Jahres an: „Meine Leute weigern sich die Dienstbekleidung korrekt zu tragen. Die sollen sich nicht so anstellen, sie haben doch das Tragen einer Dienstbekleidung im Arbeitsvertrag akzeptiert. Außerdem müssen sie wissen wie man eine Hose anzieht, ein Jackett schließt und eine Krawatte bindet.“ Wissen ist nicht wollen und nur wer will, der kann. Es ist immer eine Frage der Haltung.

Q CORPORATE FASHION: Reicht es aus, in einem Unternehmen einheitliche Kleidung einzuführen, oder fängt damit die eigentliche Arbeit erst an?

RÜTHER: Damit fängt der wichtigste Teil der Arbeit erst an. Zur erfolgreichen und nachhaltigen Implementierung einer Corporate Fashion, einer Trageordnung oder eines Dresscodes bieten sich folgende Maßnahmen an:

– Schaffen Sie eine Atmosphäre des Vertrauens. Formulieren Sie konkret, wie Sie sich das äußere Erscheinungsbild, das Auftreten und die Umgangsformen Ihrer Beschäftigten vorstellen.

– Geben Sie Orientierung, was Sie von ihnen erwartet wird.

– Seien Sie Vorbild nach innen und außen und leben Sie den gewünschten Dresscode vor.

– Bieten Sie mit regelmäßigen Fort- und Weiterbildungen den Beschäftigten die Möglichkeit, sich mit ihrem äußeren Erscheinungsbild und Auftreten auseinander zu setzen.

– Nicht jeder Mitarbeiter hat das Talent, sich typ- und anlassgerecht zu kleiden und in ungewohnten Situationen sicher und souverän zu wirken. Geben Sie Ihren Beschäftigten Zeit und Raum, den Sinn eines einheitlichen Auftretens zu reflektieren und mit ihrem Wunsch nach persönlichem Selbstausdruck in Einklang zu bringen.

– Ein guter Dresscode zeichnet sich dadurch aus, dass ihm Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne folgen.

– Ziehen Sie sich und Ihren Mitarbeitern ein gutes Gefühl an.

 

Veröffentlicht am: 23.11.2016